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Kritiker der ökumenischen Bewegung fehlten in Busan nicht. Sie waren von innen und von außen vertreten und es gelang es ihnen zwischenzeitlich doch, die heitere und arbeitssame Stimmung zu trüben: Metropolit Hilarion der russisch-orthodoxen Kirchen unterstellte in seiner Grußbotschaft der westlichen Welt eine Verwässerung der Glaubensinhalte, was aufgrund des gewählten Zeitpunkt des Redebeitrages öffentlich beinahe unwidersprochen bleiben musste.

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Zugleich scheuten sich ultra-konservative Gruppen innerhalb der koreanischen Kirchen nicht, durchgehend Protestgruppen zum Veranstaltungsgelände zu bringen, um lautstark den ÖRK mit dem Antichristen in Verbindung bringen und um zur radikalen Umkehr in deren Sinne aufzurufen. Beide Kritiker stoßen sich daran, dass sich der ÖRK offen zeigt für das Gespräch mit anderen Weltanschauungen und dass sozialethische Themen, insbesondere der Umgang mit dem Thema Homosexualität, nicht von Fragen des Glaubens getrennt werden können.

Diese Frage hätte den Weltkirchenrat bei seinem herkömmlich geprägten Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen wahrscheinlich zum Bruch mit der Orthodoxie geführt, wenn nicht seit der letzten Vollversammlung ein neues Verfahren eingeführt wurde: Seit der letzten Vollversammlung in Porto Alegre 2006 sind Beschlüsse allein im Konsens zu treffen. Diese Konsensverfahren spiegelt nach Überzeugung der Mitgliedskirchen das Wesen der Kirche zutreffender wider als der parlamentarisch geführte Entscheidungsprozess – wobei es insbesondere die Deutschen waren, die dem anfangs sehr verhalten gegenüberstanden.

Dieses Konsensverfahren versteht sich zunächst als geistiger Prozess der Unterscheidung und der Meinungsfindung. Es verzichtet deshalb auf Mehrheitsentscheidungen, da jede Mehrheitsentscheidung Unterlegene und Sieger zurücklässt – und da im Fall des Weltkirchenrates die Gemeinschaft der Kirchen auseinandergebrochen wäre. Nun steht mit der neuen Methode jedem offen, seine abweichende Auffassung dokumentieren zu lassen, wenn er bereit ist, eine andere Entscheidung stehen zu lassen, wenn er diese durch sein Votum auch nicht mittragen konnte. Im Zweifelsfalle kommt es zu keiner Entscheidung und zu keiner Verlautbarung. Meinungs bildungsprozesse sollen alle mitnehmen; sie dauern länger, weil es auf jeden ankommt. Es ist zugleich so, dass das Konsensverfahren nicht vorsieht, durch Klatschen Zustimmung zu geben. Hier soll Zeit gespart werden und zugleich verzichtet werden, durch Klatschen oder Zurufe Stimmung zu machen. Jedem Delegierten stehen zur Meinungsbekundung allein die rote Zustimmungskarte und die blaue Ablehnungskarte zur Verfügung, die der er heben kann.

Die Befürchtung, dass durch dieses Verfahren Aussagen mit Format und Anspruch zugunsten der Einheit abgeschliffen werden, ist nicht eingetreten. Im Gegenteil scheint es, dass es mit dem Konsensverfahren auch auf der Ebene des Verfahrens um dasselbe Anliegen, nämlich der respektvolle Umgang miteinander und die gelebte Einheit, geht.

Ob ein solches Verfahren auch in unserer Landeskirche, in der Synode oder in den Kirchenvorständen tragen würde. Eine lohnende Zumutung, diesen Gedanken in die eigenen Gremien mitzunehmen und einfach einmal davon zu erzählen.

© Pfr. Markus Merz

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