Das Plenum wird von Dame Mary Tanner moderiert. Der Granddame der Ökumene. In ihrer Einführung erzählt sie die Geschichte der Bemühungen des ÖRK im Verlauf der verschiedenen Vollversammlungen Modelle sichtbarer Einheit zu entwickeln. Eine Einheit, welche die Sichtbarkeit der Kirchen meint, aber nicht von der Einheit der Menschheit absieht. Wie sind Minderheiten, Frauen, Ausgegrenzte, die Schwachen und Armen mit in diese Vision der Einheit einzbeziehen? Für die ÖRK war immer ein ganzheitlicher Ansatz von Einheit wichtig. Für viele ist und war das das Bewundernswerte am ÖRK, für manche ein Stein des Anstoßes. Ich finde es großartig.

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Der erste Redner ist Metropolit Nifon von der Rumänischen Orthodoxen Kirche. Er nimmt die orthodoxe Perspektive auf, macht deutlich, was der Beitrag der Orthodoxie zur Ökumene sein muss (als Beispiel sei die trinitarische Ekklesiologie genannt), weist die Kritik orthodoxer Stimmen an der Ökumene mit der Begründung zurück, dass diese nicht die Größe des Glaubens und die Wirklichkeit der Orthodoxie, die über die ganze Welt verbreitet ist, wahrnimmt. Gleichzeitig heißt das für ihn nicht, auf die grundsätzlichen ethischen Prinzipien der Orthodoxie oder auf die Wiedererrichtung der wahren Kirche zu verzichten. Der Ruf Christi, eins zu sein, ist für die Orthodoxie Befehl, so der Metropolit wörtlich.

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Der zweite Redner ist Dr Neville Callam, der Generalsekretär der Baptist World Alliance. Ein typisches Vorgehen des ÖRK von zwei Seiten den Blick auf ein Thema zu nehmen. Callam beklagt wie Nifon das Zerrbild von Kirche, das nicht seinem Ideal entspricht. Freilich ist der Ansatz von Callam einer, der in einem anderen Verständnis als Nifon versucht, den Blick auf die Einheit ganzheitlich zu nehmen. Einheit ist die Einheit von Kirchen, aber nicht nur, sie ist vielmehr als von gesellschaftskritischer Kraft. Schön ist, dass sich Callam wie Nifon zudem in einem trinitarischen Zugang zur Ökumene treffen.

Nun sind die Menschen im Auditorium gebeten, Ihre persönlichen Gebete für die Einheit der Kirche zu formulieren. Einer schöner Moment, das Auditorium in sich gekehrt zum Gebet, geradezu ein Symbol dafür, dass die Einheit der Kirche, die Heilung der Welt trotz all unseres Mühen nicht von uns gemacht, sondern von Gott geschenkt werden muss und wird.
Dem Plenum folgen zwei kurze Zwischenrufe von Alice Fabian, eine Theologiestudentin aus Südafrika, und Bischof Mark Macdonald, ein anglikanischer Bischof für die indianischen Einwohner Kanadas. Beide erzählen von ihrem eigenen Lebensgeschichten, von Hoffnung und Verzweiflung. Fabian berichtet von Apartheiderfahrungen und wie diese im Beispiel von zwei Gemeinden, die nebeneinander lagen, aber damals getrennt bleiben mussten, langsam, aber kraftvoll überwunden werden. Macdonald berichtet vom hohen Norden in Kanada, wo konfessionelle Unterschied bei minus 50 Grad schwinden. Für ihn ist das keine Nebenwirkung harter Umweltbedingungen, sondern macht den Kern des Glaubens deutlich. Das ist allein schon deswegen wichtig, weil in dieser schönen, reichen und deswegen oft auch ökonomisch missbrauchten Gegend, die Spiritualität der Umwelt gemeinsam gestärkt und geschützt werden muss. Eine Aufgabe, die alle Christen miteinander verbindet und inspiriert.
Das Plenum macht sehr deutlich, wie vielschichtig der Begriff Einheit der Kirchen ist. Keinesfalls kann er einschichtig verstanden werden, zu unterschiedlich zum einen die Aspekte, die die einzelnen Kirchen damit verbinden, zum andern kann die kirchliche Wirklichkeit nicht unabhängig von Gottes Geschöpfen und seiner Schöpfung verstanden werden.
Das Plenum schließt sehr feierlich mit einem gemeinsamem Fürbittgebet von Mary Tanner, Metropolit Nifon und Bischof Macdonald und einer Vergebungsbitte für das universelle Versagen der Kirchen. Mit dem Taizegesang “Ubi caritas” nimmt das Plenum die Bitte auf. Einheit als Gottes Werk.
Dem ÖRK ist mit dem Plenum heute nahezu ein Gesamtkunstwerk gelungen, Theologie, Gesellschaft und Gebet perspektivisch aufeinander bezogen, ineinander verwoben und zur Einheit geformt.

Hier kommt Andreas Blick auf das Plenum Einheit:

Es begann so schön: Mary Tanner führte in das Thema „Einheit“ furios ein mit einer Erinnerung an den langen Weg, den der ÖRK in den vergangenen Jahren beschritten hatte. Doch die beiden nachfolgenden Beiträge, die eigentlich den Weg hätten öffnen sollen, und uns in die Lage versetzen, eine Vision für die Zukunft zu entwickeln, waren im Großen und Ganzen ein Blick zurück und – was ich schlimmer fand – eine Wiederholung von Auffassungen, die ich längst überwunden glaubte. Gerade die Ausführungen von orthodoxer Seite – auch wenn sie Fragen stellte an die eigene Kirche bezüglich der Bereitschaft, Veränderungen zu akzeptieren – waren in ihrer Charakterisierung unserer gegenwärtigen Welt und der westlichen Kirchen mehr als stereotyp. Trotz aller Schwierigkeiten, von denen wir nicht wirklich wissen, ob und wie wir sie lösen können, halte ich es einfach für nicht angemessen, von unserer Welt und unserem Leben als einem einzigen Jammertal zu sprechen. Meiner Erfahrung entspricht dies jedenfalls nicht!
Auch würde ich nicht sagen, dass die westlichen Kirchen, auch die westliche Gesellschaft überhaupt sich in einem Zustand ethischer Verwahrlosung befindet. Gerade, was die Frage von Ehe, Familie und verbindlicher Gemeinschaft betrifft, muss wohl sehr gründlich geredet werden, weil wir sonst in Vorwürfen und Vorbehalten verharren.
Ein Zeichen der Hoffnung war für mich eine junge Frau aus Südafrika, die sehr konkret von Veränderungen berichtete, die sie in ihrer eigenen Kirche erlebt hat und die sie als Zeichen für die Ökumene überhaupt versteht.“

Was mich angeht, kann ich diese Auffassung verstehen, aber ihr insofern nicht völlig zustimmen, da man nicht davon absehen kann, in welcher Situation sich gerade die Orthodoxie sich befindet. Insofern war und ist Nifon für mich ein Lichtblick.
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Noch einmal Andrea: „So blieb nach diesem Plenum zur Einheit die Frage, wo wir eigentlich stehen und wie wir es schaffen können, die Annäherungen, zu denen es bereits gekommen ist, nicht immer wieder zu hintergehen. Und wie wir es schaffen auszuhalten, dass wir Fragen, die uns – vielleicht in unterschiedlicher Weise beschäftigen auch möglicherweise unterschiedlich beantworten. Bei der Bibelarbeit früher am morgen war für mich sehr bewegend, dass wir uns sehr ernsthaft mit der Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes beschäftigt hatten; wir kamen aus verschiedenen Ländern, gehören unterschiedlichen Konfessionen an, leben in unterschiedlichen Umständen, aber: was wir miteinander teilen konnten, ergab am Ende einen großen Reichtum. Diesen Geist der Bibelarbeit wünsche ich mir für unseren Weg hin zur Einheit.“

Hinweis: Der Text zum Plenum findet sich im Textbuch siehe unter Grundsätzliches.

Bilder:
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Martin Wirth und Bernd Densky von der Ökumenischen Zentrale im Plenum
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Leonardo d´Emberti von St. Egidio und Dr. Martin Robra
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Andrea im Gespräch mit unserem Landesbischof

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Es ist ein Kampf bis an die Grenze, ein Meeting jagt das nächste und dann noch Plena und Geschäftssitzungen . …….

Ein Gedanke zu „Einheit

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